Utha-Menah: Die Rückkehr der Seelen

Veröffentlicht am 1. November 2026 um 23:30

Auf der Suche nach Menschlichkeit in einer zerstörten Welt

★★★★★ – 5 von 5 Sternen

Eine zerstörte Erde, überfüllte Zufluchtsorte und ein junger Mensch, dessen vertraute Umgebung ihre Sicherheit verliert: Sandra Küsters greift in „Utha-Menah: Die Rückkehr der Seelen“ Motive auf, die unmittelbar zum Kern dystopischer Literatur führen. Wer darf sich sicher fühlen? Was hält eine Gemeinschaft zusammen? Und woran kann man sich orientieren, wenn ausgerechnet jene Menschen Geheimnisse verbergen, denen man bisher vertraut hat? Besonders reizvoll ist dabei die Verbindung zwischen dem Rätsel einer untergegangenen Ordnung und Levis sehr persönlicher Suche nach Zugehörigkeit.

Die Ausgangslage besitzt eine bedrückende Anschaulichkeit. Große Teile der Menschheit leben in gewaltigen Metroplex-Städten, die einst von den Utha-Menah errichtet wurden. Ihre Erbauer sind nach einem großen Krieg verschwunden. Außerhalb dieser Städte liegen die gefährlichen Out-Zones, in denen Strahlung und lebensfeindliche Umweltbedingungen das Überleben bestimmen. Levi ist in einer Siedlung aufgewachsen, die sich fern der Metropolen ein eigenes Leben aufgebaut hat. Nach dem Verlust seiner Eltern fehlt ihm der familiäre Rückhalt. Als er heimlich eine Ratsversammlung belauscht, bekommt die Geschichte seiner Gemeinschaft Risse. Seine spätere Reise mit Ash, einem Mädchen rätselhafter Herkunft, verbindet die Suche nach der eigenen Vergangenheit mit der Frage nach der wirklichen Geschichte der Menschheit.

Bereits diese Konstellation hat einen starken emotionalen Kern. Für Levi steht hinter jeder Gefahr etwas Vertrautes: sein Zuhause, die Erinnerung an seinen Vater und die Menschen, mit denen er aufgewachsen ist. Der Verlust von Sicherheit erhält dadurch eine persönliche Bedeutung. Besonders überzeugend ist die Entscheidung, den Blick auf die große Weltgeschichte an eine Figur zu binden, die selbst erst verstehen muss, welche Kräfte ihr Leben geprägt haben. Levis Unwissen schafft Nähe. Man begegnet den Geheimnissen seiner Umgebung mit derselben Mischung aus Neugier und Unbehagen, die auch ihn antreibt.

Wie wirkungsvoll dieser Ansatz sein kann, zeigt die auf der Autorinnenwebsite veröffentlichte Ratsszene. Levi beobachtet das Geschehen aus einem Versteck. Ein Vorhang, ein schmaler Spalt und die Gefahr, entdeckt zu werden, begrenzen seine Wahrnehmung. Küsters gibt der Szene damit eine klare räumliche Spannung. Das Gespräch entwickelt sich von der Nachricht über eine äußere Bedrohung zu einer Auseinandersetzung über die Zukunft der Siedlung. Dabei wird sichtbar, wie unterschiedlich die Ratsmitglieder Verantwortung verstehen. Die Frage, ob eine Gemeinschaft auch unter Druck Bestand hat, erhält hier eine konkrete, dramatische Form.

Gerade dieser Konflikt macht den Einstieg interessant. Die Siedlung beruft sich auf ein gemeinsames Leben außerhalb der Metropolen. Sobald Gefahr droht, treten jedoch alte Bindungen, Eigeninteressen und gegensätzliche Vorstellungen von Zusammenhalt hervor. Damit entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem Anspruch auf Freiheit und der Verpflichtung gegenüber anderen. Wer Kinder in einer Gemeinschaft aufwachsen lässt, trägt Verantwortung für deren Zukunft. Diese Überlegung verleiht der Ratsszene ein Gewicht, das über die unmittelbare Bedrohung hinausreicht.

Ein besonders anregendes Detail ist die sogenannte Genetisierung. Am Beispiel Lady Aurelias führt Küsters körperliche Veränderungen ein, die einst gegen entsprechende finanzielle Mittel erhältlich waren. Die Aussicht auf Verjüngung oder größere Widerstandskraft steht neben unberechenbaren Folgen. So verbindet sich ein klassisches Science-Fiction-Thema mit sozialer Ungleichheit: Schon der Zugang zu körperlicher Verbesserung war eine Frage der Möglichkeiten. Im dargestellten Ergebnis liegt zugleich etwas Unheimliches. Eine vergangene Gesellschaft hat ihre Hoffnungen buchstäblich in Körper eingeschrieben, deren Veränderungen sie offenbar nur begrenzt beherrschen konnte.

Auch die Landschaft trägt zu dieser Wirkung bei. Die Wispernden Wälder bieten eine eindrückliche Vorstellung von Natur nach der Katastrophe. Veränderte Bäume und giftiges Blattwerk machen den Wald zu einem ambivalenten Ort: Hier konnte eine Siedlung entstehen, zugleich bleibt die Umgebung gefährlich. Dieser Gedanke gefällt besonders, weil er das vertraute Bild des schützenden Waldes verunsichert. Heimat entsteht unter Bedingungen, die jederzeit bedrohlich werden können. Sicherheit erscheint dadurch als etwas Erarbeitetes und Zerbrechliches.

Sprachlich setzt die Leseprobe auf eine direkte, handlungsnahe Darstellung. Gesten, Blicke und körperliche Reaktionen machen die Spannungen innerhalb des Rates sichtbar. Informationen über die Welt werden teilweise ausdrücklich erläutert; das erleichtert die Orientierung zwischen den eigenen Begriffen und gesellschaftlichen Besonderheiten dieser Zukunft. Zugleich bleibt die Szene eng an Levis Wahrnehmung gebunden. Besonders gelungen ist der Übergang vom heimlichen Beobachten zur unmittelbaren Gefahr. Aus einer zunächst überschaubaren Situation entsteht ein persönlicher Wendepunkt.

Mit Ash öffnet die vom Verlag beschriebene Handlung einen weiteren Raum für Fragen nach Herkunft und Identität. Ihre rätselhafte Vergangenheit ergänzt Levis Suche nach den verborgenen Zusammenhängen seines eigenen Lebens. Darin liegt ein schöner erzählerischer Gedanke: Die Erforschung einer fremd gewordenen Welt und die Suche nach sich selbst können dieselbe Reise sein. Der Titel „Die Rückkehr der Seelen“ lässt sich vor diesem Hintergrund auch als Einladung lesen, über das nachzudenken, was einen Menschen jenseits äußerer Lebensbedingungen ausmacht.

Der besondere Reiz dieses Auftakts liegt in der Verbindung aus gefährlicher Zukunftswelt, familiärem Geheimnis und bedrohtem Zusammenhalt. Die vertrauten Motive des Genres geben Orientierung; die konkrete Situation Levis schafft den persönlichen Zugang. Besonders angesprochen werden dürften Leserinnen und Leser, die in dystopischen Geschichten gern Fragen nach Vertrauen, Herkunft und Verantwortung verfolgen. Als erster Band einer inzwischen fortgesetzten Geschichte eröffnet „Die Rückkehr der Seelen“ dafür einen vielversprechenden Ausgangspunkt.

Sandra Küsters verbindet in dem zugänglichen Ausschnitt Abenteuer mit einem wachen Blick für die Verletzlichkeit menschlicher Gemeinschaften. Der überzeugendste Gedanke dieses Einstiegs ist die Bedeutung von Zugehörigkeit: Menschen brauchen einen Ort, an dem sie sich sicher fühlen können, und andere, auf die sie sich verlassen dürfen. Wenn beides ins Wanken gerät, bekommt die Suche nach Wahrheit eine existenzielle Dringlichkeit. Ein stimmungsvoller, neugierig machender Auftakt mit einer starken Grundidee und einem klaren Gespür für existenzielle Konflikte.

Buchdaten: Sandra Küsters · WaterProofCoast · erschienen am 18. März 2024 · Taschenbuch, 284 Seiten · ISBN 978-3-68934-001-8.

14,00 €

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