Wenn die Fake-Beziehung plötzlich echte Gefühle bekommt
„Now That We Draw“ beginnt mit einer herrlich simplen Idee: Zwei Schüler wollen professionelle Mangaka werden, beide zeichnen Liebesgeschichten – und beide haben keinerlei eigene Beziehungserfahrung. Yuuki Uehara arbeitet an einer RomCom, deren Heldin in seinen Augen perfekt ist: süß, schüchtern, unschuldig und genau so, wie eine Manga-Heldin seiner Meinung nach sein sollte. Sein Redakteur sieht das anders. Die Figuren wirken nicht glaubwürdig, die Romanze künstlich und Yuuki merkt schnell, dass man über Gefühle nur schwer überzeugend schreiben kann, wenn man sie selbst kaum kennt.
Dann entdeckt ausgerechnet Niina Miyamoto sein Manuskript. Für Yuuki gehört sie eigentlich zu einer vollkommen anderen Welt: schön, beliebt, selbstbewusst und als Gyaru scheinbar meilenweit von seinem eigenen zurückgezogenen Alltag entfernt. Doch Niina überrascht ihn gleich doppelt. Nicht nur nimmt sie seine Arbeit ernst – sie zeichnet selbst Manga und verfolgt denselben Traum. Auch sie bekommt allerdings von ihrer Redaktion zu hören, dass ihren romantischen Szenen echte Erfahrung fehlt.
Also entsteht eine Idee, die irgendwo zwischen logisch und vollkommen verrückt liegt: Yuuki und Niina beginnen eine Fake-Beziehung, ausschließlich zu Recherchezwecken. Händchenhalten, gemeinsame Ausflüge, körperliche Nähe und andere typische RomCom-Situationen sollen ihnen helfen, glaubwürdigere Liebesgeschichten zu zeichnen. Natürlich dauert es nicht lange, bis genau daraus die eigentliche Romanze entsteht.
Die große Stärke des ersten Bandes liegt dabei in der Dynamik zwischen den beiden. Niina tritt selbstbewusst auf, provoziert Yuuki gern und scheint zunächst deutlich erfahrener. Sobald ihre Experimente aber tatsächlich intim werden, merkt man schnell, dass sie romantisch mindestens genauso überfordert ist wie er. Sie kann Nähe vorschlagen und wenige Sekunden später selbst völlig aus dem Konzept geraten. Genau dieser Gegensatz macht sie zu einer ausgesprochen sympathischen Figur und verhindert, dass sie lediglich als stereotype „coole Gyaru“ funktioniert.
Besonders gelungen ist zudem, dass die Beziehung nicht ausschließlich über körperliche Anziehung aufgebaut wird. Beide teilen denselben Traum und verstehen die kreative Unsicherheit des anderen. Niina erkennt Yuukis Leidenschaft für Manga, während Yuuki ihre zeichnerische Arbeit ernst nimmt und sie nicht nur als attraktive Mitschülerin wahrnimmt. Gerade diese gegenseitige Anerkennung wirkt teilweise intimer als die bewusst romantischen Situationen. „Now That We Draw“ erzählt deshalb nicht nur davon, wie zwei Jugendliche Gefühle entdecken, sondern auch davon, wie wichtig es sein kann, jemanden zu finden, der die eigene kreative Arbeit wirklich versteht.
Dabei spielt der Manga geschickt mit seinem eigenen Genre. Yuuki bekommt zu Beginn gesagt, seine RomCom sei unrealistisch – und landet kurz darauf selbst in einer Situation, die direkt aus einer klassischen RomCom stammen könnte. Der stille Manga-Nerd trifft auf die attraktive Gyaru, beide teilen zufällig dieselbe Leidenschaft und beginnen auch noch eine Fake-Beziehung. Die Serie weiß genau, wie konstruiert das klingt, und nutzt diese Tatsache immer wieder für ihren Humor.
Gerade dadurch funktionieren auch bekannte Genre-Momente erstaunlich gut. Händchenhalten wird plötzlich zum Forschungsprojekt, gemeinsame Unternehmungen werden auf ihre emotionale Wirkung hin analysiert, und selbst ein beinahe zufälliger Kuss wird offiziell als „Recherche“ verbucht. Natürlich glauben weder die Figuren noch die Leser lange daran, dass sich alles weiterhin rein professionell erklären lässt. Genau daraus entsteht der Charme der Geschichte: Beide versuchen Gefühle zu beobachten, während sie längst selbst mittendrin stecken.
Zeichnerisch überzeugt Yuuji Kaba vor allem bei den Gesichtsausdrücken. Niinas Wechsel zwischen Selbstbewusstsein, Verlegenheit und völliger Überforderung trägt einen großen Teil des Humors. Auch Yuukis Unsicherheit wird sehr deutlich sichtbar. Die Panels wirken lebendig und dynamisch, gerade bei romantischen oder peinlichen Situationen. Gleichzeitig ist der Fanservice deutlich präsent. Unterwäsche, Dekolleté, Körpernähe und entsprechend inszenierte Perspektiven gehören fest zum Konzept. Wer Ecchi-Elemente grundsätzlich nicht mag, könnte einige Szenen als zu viel empfinden. Teilweise wäre weniger tatsächlich stärker gewesen, denn die Beziehung zwischen Yuuki und Niina trägt die Geschichte auch ohne zusätzliche Reize problemlos.
Yuuki selbst kann gelegentlich etwas anstrengend wirken. Seine Unsicherheit und sein negatives Selbstbild werden sehr deutlich ausgespielt, teilweise stärker als nötig. Gleichzeitig braucht die Geschichte genau diesen Ausgangspunkt, damit seine Entwicklung funktioniert. Durch Niina beginnt er langsam zu verstehen, dass vielleicht nicht nur seine Mangafiguren unrealistisch sind, sondern auch seine eigene Vorstellung davon, wie wenig er anderen zu bieten hat.
Interessant ist außerdem der Manga-im-Manga-Aspekt. „Now That We Draw“ möchte keine realistische Dokumentation über die japanische Mangaindustrie sein, sondern konzentriert sich stärker auf den kreativen Prozess. Wie entstehen glaubwürdige Figuren? Warum wirkt eine romantische Szene künstlich? Wie verändert persönliche Erfahrung das Schreiben und Zeichnen? Genau hier gewinnt die Serie überraschend viel Tiefe. Yuuki und Niina beginnen ihre Fake-Beziehung, damit ihre Erlebnisse ihre Manga verbessern. Gleichzeitig beeinflusst das Zeichnen wiederum, wie sie ihre eigenen Gefühle wahrnehmen. Kunst und Leben beginnen sich gegenseitig zu verändern.
Der erste Band endet konsequent mit einer weiteren Eskalation ihrer „Recherche“ und stellt endgültig die Frage, wie lange beide noch behaupten können, dass es sich lediglich um ein Experiment handelt. Denn längst ist offensichtlich, dass die Gefühle nicht mehr nur Material für neue Manga-Seiten liefern.
Fazit
„Now That We Draw“ erfindet die romantische Komödie nicht neu, nutzt ihre bekannten Zutaten aber ausgesprochen clever. Fake Dating, Gyaru-Romance, Otaku-Humor und Ecchi werden mit einer Geschichte über kreative Unsicherheit, gegenseitige Anerkennung und den Wunsch verbunden, als Mangaka besser zu werden.
Besonders Niina entwickelt sich bereits im ersten Band zu einer sehr unterhaltsamen Figur, weil hinter ihrem selbstbewussten Auftreten genauso viel romantische Ahnungslosigkeit steckt wie bei Yuuki. Gleichzeitig funktioniert die Beziehung der beiden deshalb so gut, weil sie nicht nur körperliche Anziehung verbindet, sondern ein gemeinsamer Traum.
Der Fanservice ist deutlich und Yuukis Unsicherheit gelegentlich etwas übertrieben, doch die Chemie zwischen den Figuren und die Meta-Idee rund ums Mangazeichnen machen den Auftakt ausgesprochen unterhaltsam.
Am Ende erzählt „Now That We Draw“ nämlich vor allem eines: Man kann Gefühle beobachten, analysieren und zeichnen – aber irgendwann muss man akzeptieren, dass man sie selbst erlebt.
Und genau dort wird aus der Fake-Beziehung die eigentlich interessante Geschichte.
Veröffentlichung
„Now That We Draw – Band 1“ von Kyuu Takahata und Yuuji Kaba erscheint auf Deutsch bei Panini Manga, umfasst 192 Seiten und kostet 8,99 Euro. Die deutsche Übersetzung stammt von Benjamin Rusch.
Die Manga-Reihe läuft seit 2023 bei Hakusensha im Magazin Young Animal. Eine Anime-Adaption von ROLL2 startet im Januar 2027.
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