Frankfurter Buchmesse 2026

Veröffentlicht am 22. Oktober 2026 um 21:38

Frankfurter Buchmesse 2026 – neuer Auftakt für eine ehrwürdige Dame

von Lars A. Cramer · moin.fm

Ein aufblasbarer Würfel mit zwanzig Seiten erzählt einiges über die Frankfurter Buchmesse 2026. Die Dice Actors hatten ihn eigens für ihre Auftritte auf der Matsuri Stage besorgt. Bei den Seeabenteuern ihrer Bolzenbande durfte das Publikum mitwürfeln und so über das Schicksal der Figuren mitentscheiden. Und weil auf derselben Bühne auch Takeo Ischi auftrat, ließ sich nach Angaben der Gruppe sogar einer der Mitspieler zum Jodeln inspirieren. Eine solche Begegnung lässt sich schwer planen. Man kann ihr aber eine Bühne bauen. Genau das haben die Frankfurter Buchmesse und die Main Matsuri Event GmbH in diesem Jahr getan.

Vom 7. bis 11. Oktober kamen zur 78. Frankfurter Buchmesse nach Veranstalterangaben 236.000 Besucher aus 137 Ländern, darunter 119.000 Fachgäste und 117.000 Privatbesucher. Rund 4.000 Aussteller und mehr als 3.800 Veranstaltungen standen für eine Messe, deren Gesamtbesuch knapp unter dem Vorjahreswert von 238.000 lag. Der Neuauftakt zeigte sich vor allem darin, wen Frankfurt ansprach und was man auf dieser Buchmesse tun konnte. Für Cosplayer gab es drei Wettbewerbstage, für Spieleentwickler einen eigenen Fachtag und für Kinder ein Programm, bei dem sie selbst zeichnen, tanzen und erzählen konnten.

Drei Tage Matsuri Stage – und ein lang vermisster Platz fürs Cosplay

Wer zwischen den Hallen 4 und 6 aufs Freigelände kam, fand dort von Freitag bis Sonntag ein durchgängiges Bühnenprogramm. Takeo Ischi brachte seinen Jodelgesang mit, Ichitaro die japanischen Taiko-Trommeln. MYUgaku griff mit Anime-Intros die Musik auf, über die viele Fans überhaupt zur japanischen Popkultur gefunden haben. Die Tokioter Sängerin Mitsuru Kijo trat mit DJ Rhina Love am Mischpult auf. Zwischen Musik, Talks und Live-Rollenspiel blieb sogar Zeit für einen Nudelschlürfwettbewerb. Wie gut die unterschiedlichen Acts zueinanderfanden, war später im Rückblick der Dice Actors nachzulesen. Die Gruppe hob Ichitaros Trommeln und Takeo Ischis Auftritt besonders hervor. Über die Begegnung mit den Fans nach den Spielrunden schrieb sie schlicht: „Der Austausch mit euch war wunderbar“.

Gerade beim Cosplay war die anfängliche Skepsis für uns nachvollziehbar. Wie viel Platz würde Frankfurt der Szene tatsächlich einräumen? Kostümwettbewerbe gehören zur Geschichte der Messe. Noch 2024 war das Finale der Deutschen Cosplaymeisterschaft im Congress Center angesetzt. Zugleich räumte die Buchmesse im Gesprächcselbst ein, dass es zuletzt an Treffpunkten für Anime-, Manga- und Cosplayfans gefehlt habe. Der Unterschied war 2026 auf dem Gelände zu sehen. Wer wegen des Wettbewerbs kam, fand vor und nach dem eigenen Auftritt weitere Gründe, an der Bühne zu bleiben.

Die Regeln des Matsuri Stage Cosplay Contest ließen dafür erfreulich viel Spielraum. Allein oder zu zweit hatten die Teilnehmenden bis zu zwei Minuten, um ihre Figur vor Jury und Publikum lebendig werden zu lassen. Ausdruck und Zusammenspiel zählten ebenso wie das Kostüm. Am Sonntag waren ausdrücklich Figuren aus Romanwelten gefragt. Das passte ausgerechnet hier besonders gut. Wer eine Romanfigur näht, schminkt und spielt, muss beim Lesen Entscheidungen treffen, die das Buch offenlässt. Wie bewegt sich diese Person? Woran erkennt man sie, noch bevor sie spricht? Diesem ganz eigenen Umgang mit Literatur hat Frankfurt eine weithin sichtbare Bühne gegeben.

Beim ersten Game Day begegneten sich Autor und Game-Designer

Am Donnerstag, dem 8. Oktober, fand auf der Community Stage in der Festhalle erstmals der Book meets Game Day statt. Unter dem Motto „Worldbuilding Across Media“ kamen Verlage, Autor und Spielestudios zusammen. Was sich beim Wechsel des Mediums verändert, ließ sich an konkreten Projekten verfolgen. Die Story-Game-App ueberstories und die Zauberakademie Siebenstern standen für die Zusammenarbeit von Verlag und Spieleentwicklung. Zum Abschluss ging es um Tiny Bookshop, ein erzählerisches Indie-Spiel über einen kleinen Buchladen. Ausgerechnet der Buchhandel selbst lieferte hier den Stoff für ein Spiel.

Der Austausch hatte bereits am Vorabend begonnen. Bei Connecting Worlds – Books × Games konnten die Gäste in der Creator Lounge Prototypen ausprobieren und anschließend mit den Entwicklerteams sprechen. Das gab den Gesprächen eine gute Grundlage. Wer gerade selbst eine Entscheidung im Spiel getroffen hat, kann mit dessen Autor sehr konkret darüber sprechen, wie diese Szene geschrieben wurde. Am Freitag setzte der Book-to-Screen Day den Austausch mit Film und Fernsehen fort. Und während die Fachleute über Adaptionen sprachen, konnte das Publikum in der neuen Screen World bereits einen Blick auf kommende Kino- und Seriengeschichten werfen.

Von Manga und K-Pop bis zu Romantasy und Kinderbuch

Auch abseits der Matsuri Stage lohnte es sich, den Interessen der Fans durch die Hallen zu folgen. In Halle 4.0 stellten Comicverlage ihre Neuheiten vor. Beim Kira Kira Pop Art Event in Halle 4.1 konnten Besucher eigene Mangafiguren entwerfen und Buttons gestalten. Auf der Agora lud die K-Pop Academy Kinder ab zehn Jahren zum Tanzen ein. Wer japanische Gegenwartsliteratur suchte, war auf der Global Stage richtig. Dort stellte Junko Takase ihren von Yoko Ann Hamann übersetzten Roman Richtig gutes Essen vor. Anhand einer Bürogemeinschaft erzählt Takase davon, was ein scheinbar freundlicher Umgang mit Essen, Arbeit und Kolleg über Machtverhältnisse verraten kann.

Für Romance-, Fantasy- und New-Adult-Fans bündelte Frankfurt Gespräche, Signierstunden und Begegnungen rund um die Agora und in der Festhalle. Zum Programm gehörten Liz Tomforde, Julia Dippel, Ayla Dade, Markus Heitz und Kai Meyer. In derselben Festhalle bekam die Sammelkartenszene erstmals eine eigene Trading Card Area. Familien fanden in Halle 4.0 die Imagination Stage, die Kinderbücher mit Hörformaten und Podcasts verband. Am Wochenende kamen beim Frankfurt Kids Festival Lesungen, Zeichnen und Mitmachaktionen dazu. Die neue Anordnung der Publikumshallen kam offenbar an. Hanser-Verleger Jo Lendle beschrieb die Publikumstage in der Messebilanz als „quirlig, aber nicht gedrängt“.

Tschechien erfand sich eine Küste, Lateinamerika blickte auf 50 Jahre zurück

Der Ehrengast Tschechien wählte für seinen Auftritt ein Bild aus Shakespeares Wintermärchen: „Ein Land an der Küste“. Die erfundene Küste eines Binnenlandes lieferte den Ausgangspunkt für einen Pavillon mit zwei Bühnen und farbigen, aufblasbaren Objekten. Zur tschechischen Delegation gehörten unter anderem Radka Denemarková, Jaroslav Rudiš, Alena Mornštajnová und Jáchym Topol. Neben Lesungen gab es Slam-Poetry, Musik und Theater. Der Gastauftritt reichte bis ins Deutsche Architekturmuseum, wo More is NOW! den Blick von der Literatur auf die zeitgenössische tschechische Architektur lenkte.

Mit der LatAm Stage griff die Buchmesse zugleich ihre eigene Geschichte auf. 1976 hatte sie Lateinamerika zum Schwerpunkt gemacht, fünfzig Jahre später bekam die Literatur der Region in Halle 3.1 eine neue Bühne. Zu den Themen gehörten Humor im Comic und Poesie als Form des Widerstands, unter anderem mit der chilenischen Dichterin Rosabetty Muñoz. Das war zugleich ein Vorgeschmack auf die nächste Ausgabe. 2027 übernimmt Chile die Rolle des Ehrengasts.

Was hinter den Kulissen der Buchmesse verhandelt wurde

An den Fachtagen beschäftigten die Branche vor allem der internationale Rechtehandel, der Einsatz künstlicher Intelligenz und die Freiheit des Publizierens. Im Comics Business Centre trafen sich Fachleute aus Verlagen, Webtoon und Games. Hier ging es unter anderem darum, wie sich digitaler Manga und Webcomics international veröffentlichen lassen. Das Bildungsprogramm mit mobile.schule setzte an einer anderen Stelle an. Auf der Inspiration Stage diskutierten Fachleute darüber, wie Jugendliche Desinformation erkennen und was Schulen über deren Medienalltag wissen müssen. Beide Themen gehören auf eine Buchmesse, die junge Leser erreichen will. Wer ihre Geschichten verlegt, sollte auch die Medien kennen, in denen sie diese entdecken.

OPEN BOOKS brachte die Messewoche bis an den Römer

Eine der schönsten Erfolgsmeldungen kam aus der Frankfurter Innenstadt. Das städtische Lesefest OPEN BOOKS zählte bei 145 Veranstaltungen rund 18.000 Besuche – ein neuer Rekord. Rund 200 Autor waren zu Gast. Nach Angaben des Kulturamts bildeten sich vor den Sälen rund um den Römer zeitweise lange Schlangen. Shida Bazyar, die zum Auftakt der Messewoche mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden war, las gleich dreimal aus ihrem Gewinnerroman Die Lücken. Wer den Titel gerade erst durch die Preisverleihung kennengelernt hatte, konnte ihn noch in derselben Woche in der Stimme der Autorin hören. Den Abschluss des Lesefests bildete der Frankfurt-Abend in der Volksbühne.

Zwei weitere Auszeichnungen prägten das Wochenende. Der Deutsche Jugendliteraturpreis feierte am Freitag sein 70-jähriges Bestehen. Rund 1.600 Gäste erlebten die Verleihung. Jutta Richter erhielt den Sonderpreis für ihr Gesamtwerk, Franziska Hörner den Nachwuchspreis für Und mir bleibt der hässliche Hund. Am Sonntag wurde in der Paulskirche der französisch-britische Jurist und Schriftsteller Philippe Sands mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt. Die Laudatio hielt die Historikerin Mirjam Zadoff.

Für uns verdient diese Ausgabe den Namen Neuauftakt, weil die Einladung an neue Besucher konkret wurde. Cosplayer konnten an drei Tagen auftreten. Wer beruflich Geschichten schreibt, konnte einen Spieleprototyp testen und mit dem Team dahinter sprechen. Und wer am liebsten einfach einer Autorin zuhört, hatte rund um den Römer die Wahl zwischen Dutzenden Lesungen. Der ehrwürdigen Dame Frankfurter Buchmesse steht diese Offenheit gut. Besonders in Erinnerung bleibt uns der große Würfel der Dice Actors. Für einen Moment lag die nächste Wendung der Geschichte tatsächlich in den Händen des Publikums.

 

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