Wenn menschliche Beziehungen plötzlich sichtbar werden
Es gibt Manga-Ideen, für deren Erklärung man mehrere Seiten benötigt. Und es gibt Ideen, bei denen ein einziger Satz genügt:
Kei Watanabe kann sehen, wie Menschen miteinander verbunden sind.
Takahiro Kato macht aus diesem zunächst simplen Gedanken in „Psycho Eyes“ allerdings keinen romantischen Manga über die berühmten roten Fäden des Schicksals. Ganz im Gegenteil. Für Kei ist seine Fähigkeit keine schöne Metapher für Liebe, sondern einer der Gründe, warum er Menschen kaum noch erträgt.
Denn wer Beziehungen sehen kann, sieht eben auch das, was Menschen lieber verbergen würden.
Ein Held, der zunächst keiner sein möchte
Kei ist 18 Jahre alt, arbeitslos, zurückgezogen und alles andere als der typische strahlende Shonen-Protagonist. Er hat sich weitgehend aus der realen Welt verabschiedet.
Das ist nachvollziehbar: Seit seiner Kindheit sieht er zwischen Menschen Fäden, die ihre Beziehungen sichtbar machen. Freundschaft, Abhängigkeit, Geld, Abneigung oder andere Bindungen werden für ihn zu etwas beinahe Körperlichem.
Das Problem ist nicht, dass Kei zu wenig über andere weiß.
Er weiß zu viel.
Dadurch ist eine interessante Umkehrung entstanden. Normalerweise wünschen sich Menschen in Geschichten über Superkräfte, Gedanken lesen oder die Wahrheit erkennen zu können. „Psycho Eyes“ fragt stattdessen: Wie lange würde man Menschen überhaupt noch vertrauen, wenn ihre Beziehungen ständig sichtbar vor einem lägen?
Keis Antwort darauf lautet zunächst: gar nicht.
Selbst soziale Kontakte pflegt er lieber über das Internet, wo er Abstand halten kann. Doch genau dort beginnt die Geschichte, als er auf eine Ankündigung einer Person namens Urus reagiert, die mit einer Gewalttat droht. Kei antwortet leichtfertig – und landet dadurch im Blickfeld der Polizei.
Zen Mutou ist genau das, was Kei nicht gebrauchen kann
Dann tritt Zen Mutou auf.
Und Zen besitzt praktisch alles, was Kei fehlt: Selbstbewusstsein, Energie, soziale Präsenz und einen beinahe unverschämt direkten Umgang mit anderen Menschen.
Vor allem aber besitzt auch er sogenannte Psycho Eyes.
Dabei handelt es sich nicht einfach um dieselbe Fähigkeit. Die Grundidee der Reihe ist vielmehr, dass unterschiedliche Menschen Dinge wahrnehmen können, die für normale Augen unsichtbar bleiben. Zen kann beispielsweise die Wachsamkeit beziehungsweise das Misstrauen anderer wahrnehmen.
Damit wird bereits in Band 1 klar, warum die Kräfte interessant bleiben könnten: Die Psycho Eyes ersetzen nicht die handelnden Personen. Sie liefern Informationen.
Und Informationen allein lösen noch keinen Fall.
Kei kann einen Faden sehen. Er muss aber immer noch verstehen, was dieser bedeutet.
Zen kann erkennen, dass jemand alarmiert oder misstrauisch ist. Das sagt ihm aber noch nicht automatisch, warum.
Das unterscheidet „Psycho Eyes“ angenehm von vielen Fähigkeiten, bei denen ein Charakter praktisch nur seine Spezialattacke aktivieren muss.
Der erste Fall ist cleverer, als er zunächst wirkt
Der erste große Fall führt Kei zu jener Person, deren Ankündigung ihn überhaupt erst mit der Polizei zusammengebracht hat.
Und genau hier zeigt Takahiro Kato erstmals, wie gut die Fähigkeit des Protagonisten auch erzählerisch funktioniert.
In einer Menschenmenge sucht Kei nicht einfach nach dem verdächtigsten Gesicht. Er sucht nach Beziehungen.
Und dabei fällt ihm ausgerechnet jemand auf, der praktisch keine besitzt.
Die Einsamkeit dieser Person wird damit buchstäblich sichtbar.
Das ist vielleicht die stärkste Idee des gesamten Auftaktbandes. Kei findet den entscheidenden Hinweis nicht, weil er stärker oder schlauer als alle anderen ist, sondern weil er etwas erkennt, das seinem eigenen Leben erschreckend ähnlich ist.
Er kennt Isolation.
Er kennt das Gefühl, von anderen Menschen getrennt zu sein.
Und plötzlich wird aus jener Fähigkeit, die ihn selbst von der Gesellschaft entfernt hat, etwas, mit dem er einen anderen Menschen erreichen kann.
Damit erzählt „Psycho Eyes“ bereits im ersten Fall, worum es im Kern wahrscheinlich wirklich gehen wird: nicht um Augen, sondern um Verbindungen.
Willkommen bei „Marume“
Nach diesem Fall möchte Zen Kei für eine spezielle Polizeieinheit gewinnen: die Nenshi-Sonderermittlung beziehungsweise „Marume“, eine Gruppe, in der Menschen mit ungewöhnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten eingesetzt werden.
Doch Kato lässt Kei nicht einfach eine Uniform anziehen und zum Superermittler werden.
Stattdessen zeigt die Geschichte ziemlich schnell, dass auch innerhalb der Polizei Misstrauen herrscht. Die Methoden der Einheit sind umstritten, ihr Vorgehen teilweise ausgesprochen eigenwillig, und mit dem internen Kontrolleur Mutsu Rokuro erhält die Gruppe jemanden, der Zen und seinen Leuten keineswegs blind vertraut.
Dadurch bekommt der Manga eine zweite Ebene.
Kei kann zwar Verbindungen sehen – aber gerade in einer Institution, in der Loyalitäten, Hierarchien und Geheimnisse entscheidend sind, wird diese Fähigkeit plötzlich politisch.
Wer arbeitet für wen?
Wer schützt wen?
Wer belügt wen?
Und kann man überhaupt jemandem vertrauen, nur weil kein verdächtiger Faden sichtbar ist?
Spätestens jetzt wird aus Mystery echte Action
Band 1 bleibt nicht lange bei ruhigen Ermittlungen.
Als Kei bei einem Gefangenen beziehungsweise Verdächtigen eine auffällige Verbindung erkennt und gleichzeitig immer mehr Menschen auftauchen, die offensichtlich Interesse an diesem Mann haben, eskaliert die Situation.
Zen reagiert auf seine typische Art: nicht gerade vorsichtig.
Es folgen Flucht, Explosion, Verfolgung und schließlich eine Konfrontation am Hafen. Dabei zeigt sich auch, dass die anderen Psycho-Eyes-Träger keineswegs nur Staffage sind. Zens Schwester Kanade kann beispielsweise Informationen wahrnehmen, die bei einer Flucht helfen, einen günstigeren Weg zu finden.
Das macht die Action interessant, weil Fähigkeiten nicht einfach in Feuerbälle oder Energiestrahlen übersetzt werden.
Die Augen liefern Vorteile.
Rennen, kämpfen, entscheiden und Fehler machen müssen die Figuren weiterhin selbst.
Allerdings liegt hier auch eine kleine Schwäche des ersten Bandes: Takahiro Kato möchte sehr viel sehr schnell etablieren.
Kaum hat man Keis Fähigkeit verstanden, kommen weitere Psycho Eyes, eine Spezialeinheit, interne Polizeikonflikte, eine Verfolgungsjagd, ein mysteriöser Kriminalfall und schließlich noch eine größere Organisation hinzu.
Langweilig wird Band 1 dadurch keine Sekunde.
Gelegentlich hätte man sich aber gewünscht, einzelne Figuren oder Regeln etwas länger kennenzulernen, bevor bereits das nächste Geheimnis geöffnet wird.
„World Eye“ verändert die Dimension der Geschichte
Aus dem einzelnen Kriminalfall entwickelt sich schließlich der größere Konflikt der Reihe.
Eine Organisation namens World Eye scheint besonderes Interesse an Menschen mit Psycho Eyes zu haben und deren Fähigkeiten für eigene Zwecke nutzen zu wollen.
Zen kennt diese Organisation bereits.
Und damit verändert sich auch seine Rolle.
Bis dahin könnte man ihn einfach als exzentrischen, ausgesprochen cool inszenierten Mentor betrachten. Doch hinter seiner Motivation steckt offensichtlich eine persönliche Geschichte.
Plötzlich hat man nicht mehr nur Kei, der einen Platz in der Welt sucht, sondern Zen, der längst in einem Konflikt steckt, von dem Kei bisher nichts wusste.
Das Mentor-Schüler-Verhältnis gehört deshalb schon jetzt zu den größten Stärken der Serie.
Zen zwingt Kei gewissermaßen zurück ins Leben.
Aber gleichzeitig zieht er ihn damit in eine Welt, die wahrscheinlich erheblich gefährlicher ist als sein altes Zimmer.
Dann kommt der Vater
Und als wäre das noch nicht genug, macht Takahiro Kato den Konflikt gegen Ende des ersten Bandes persönlich.
Keis Vater, der während seiner Kindheit verschwunden ist, meldet sich plötzlich wieder.
Er will Geld.
Für Kei ist dieses Wiedersehen besonders grausam, weil seine Fähigkeit ihm erneut etwas zeigt, das er lieber nicht sehen würde: Die Geschichte seines Vaters passt nicht zu dessen Beziehungen.
Da sind Verbindungen, die Fragen aufwerfen.
Da ist offensichtlich mehr als nur ein heruntergekommener Vater, der seinen Sohn nach Jahren um Hilfe bittet.
Und vor allem beginnt die Geschichte dadurch, Keis Vergangenheit mit jener Welt zu verbinden, in die Zen ihn gerade erst hineingezogen hat.
Band 1 beantwortet diese Fragen bewusst noch nicht vollständig.
Stattdessen endet er genau dort, wo aus Neugier ein echtes Bedürfnis wird, Band 2 aufzuschlagen.
Das ist ein klassischer Cliffhanger – aber ein sehr effektiv vorbereiteter.
Die Zeichnungen: rau, voll und passend zum Thema
Takahiro Katos Zeichenstil wirkt nicht klinisch sauber oder glattpoliert.
Er ist energisch, stellenweise rau und insbesondere dann visuell dicht, wenn Kei seine Fähigkeit einsetzt.
Überall verlaufen Linien.
Menschen sind miteinander verbunden, Bilder werden durchzogen, Blickrichtungen und Beziehungen überlagern die normale Wahrnehmung.
Das kann tatsächlich anstrengend werden.
Einige japanische Leser kritisieren genau diese Informationsdichte. Gleichzeitig wäre eine sterile Darstellung wahrscheinlich die schlechtere Entscheidung gewesen.
Denn das visuelle Chaos vermittelt etwas Entscheidendes: Kei kann diese Fäden nicht einfach ignorieren.
Was für uns Leser gelegentlich unübersichtlich erscheint, ist für ihn Alltag.
Dadurch bekommt eine potenzielle Schwäche des Zeichenstils beinahe eine erzählerische Funktion.
Besonders stark wirkt Kato außerdem bei Augen und Gesichtern. Kein Wunder bei einer Serie, in der Wahrnehmung das zentrale Motiv bildet. Blickkontakte fühlen sich wichtig an, Pupillen werden zu erzählerischen Werkzeugen und die Panels vermitteln immer wieder das Gefühl, dass jemand gerade mehr sieht, als er eigentlich sehen dürfte.
Keine einfache Superheldengeschichte
Die vielleicht größte Überraschung von „Psycho Eyes“ ist, dass sich Band 1 trotz seiner Action nicht hauptsächlich über Kämpfe definiert.
Die interessantesten Momente entstehen dann, wenn Kei Beziehungen interpretiert.
Ein Mensch kann neben einem anderen stehen und ihm trotzdem vollkommen fern sein.
Jemand kann behaupten, einen anderen kaum zu kennen – während zwischen beiden etwas deutlich sichtbar ist.
Und jemand, der scheinbar keinerlei Verbindung besitzt, kann gerade deshalb aus einer Menschenmenge hervorstechen.
So entsteht ein Manga über Einsamkeit, Vertrauen und soziale Wahrnehmung, der sich als Polizei-Action-Serie tarnt.
Das macht „Psycho Eyes“ wesentlich interessanter, als der etwas generische Begriff „übernatürlicher Action-Crime-Manga“ zunächst vermuten lässt.
Warum Zen möglicherweise der heimliche Star ist
Kei ist die Figur, durch deren Augen wir diese Welt kennenlernen.
Zen ist momentan jedoch die Figur, die sie antreibt.
Er ist Mentor, Ermittler, Provokateur und wahrscheinlich gleichzeitig jemand, der selbst erheblich mehr mit sich herumträgt, als Band 1 bereits verraten möchte.
Gerade der Gegensatz funktioniert hervorragend.
Kei zieht sich zurück.
Zen marschiert ungefragt hinein.
Kei sieht Beziehungen und misstraut ihnen.
Zen baut aktiv eine Beziehung zu Kei auf.
Und während Kei seine Fähigkeit jahrelang als Belastung betrachtet hat, behandelt Zen sie vollkommen selbstverständlich als Werkzeug.
Die beiden funktionieren deshalb nicht nur als klassisches Ermittlerduo. Zen zwingt Kei dazu, seine komplette Sicht auf sich selbst neu zu bewerten.
Wo Band 1 noch Luft nach oben hat
So überzeugend der Auftakt funktioniert, perfekt ist er nicht.
Der Manga erklärt seine Welt mit hoher Geschwindigkeit. Manche Nebenfiguren besitzen zunächst vor allem die Funktion, eine neue Fähigkeit oder einen neuen Konflikt einzuführen. Auch „World Eye“ bleibt bewusst nebulös, weshalb die Organisation im ersten Band eher Bedrohung als wirklich greifbarer Gegenspieler ist.
Hinzu kommt, dass die Polizeiarbeit eindeutig der Dramaturgie eines Action-Manga folgt. Wer einen realistischen Kriminalmanga erwartet, wird hier falsch sein.
„Psycho Eyes“ interessiert sich weniger dafür, wie eine echte japanische Polizeieinheit arbeiten würde, sondern dafür, wie eine Ermittlungsgruppe funktionieren könnte, wenn einzelne Mitglieder Dinge sehen, die eigentlich unsichtbar sind.
Akzeptiert man diese Prämisse, funktioniert der Band hervorragend.
Fazit
„Psycho Eyes“ beginnt wie ein Manga über einen Jungen mit einer coolen übernatürlichen Fähigkeit.
Nach 208 Seiten ist klar, dass darin wesentlich mehr steckt.
Keis Augen sind keine Wunsch-Superkraft. Sie haben ihn einsam gemacht. Erst die Begegnung mit Zen eröffnet ihm die Möglichkeit, dass das, was ihn von anderen Menschen getrennt hat, vielleicht genau das sein könnte, womit er ihnen helfen kann.
Der erste Band verbindet Mystery, Polizeithriller, übernatürliche Fähigkeiten und klassische Shonen-Action erstaunlich mühelos. Nicht jede Figur erhält bereits den nötigen Raum, und die Handlung wirft beinahe schneller neue Fragen auf, als man sie sortieren kann.
Aber genau deshalb funktioniert der Auftakt.
Man möchte wissen, was die Psycho Eyes wirklich sind.
Man möchte verstehen, was World Eye plant.
Man möchte wissen, warum Keis Vater plötzlich wieder auftaucht.
Und vor allem möchte man sehen, was aus einem Jungen wird, der sein ganzes Leben Beziehungen gesehen hat – aber erst jetzt langsam lernt, selbst welche einzugehen.
„Psycho Eyes“ Band 1 ist damit einer der interessanteren neuen Mystery-Action-Auftakte: schnell, stellenweise chaotisch, visuell eigenwillig und mit einer Grundidee, die erheblich mehr emotionale Möglichkeiten besitzt, als man zunächst vermutet.
Die deutsche Ausgabe von Takahiro Katos „Psycho Eyes – Band 1“ ist bei Panini Manga erschienen, umfasst 208 Seiten und kostet 8,99 Euro. Die Erstauflage wird mit einem Metallic-Sticker ausgeliefert.
Kommentar hinzufügen
Kommentare